Brustkrebstagebuch,  Kinder

Die Diagnose #3

#Brustkrebstagebuch Notiz 3


In der Nacht nach dem Anruf meiner Frauenärztin habe ich kaum geschlafen. 

Ich hatte meine Brüder angerufen, die mir ihre Liebe und Unterstützung zusicherten. 
Meine große Tochter nicht erreicht, weil sie gerade ohne Empfang in Tschechien auf Radtour war. Meinen großen Sohn angerufen und ihn informiert.
Ganz viel geweint. Die Tränen liefen fast ohne Unterlass. 
“Der Tumor ist bösartig,” hallte in meinem Kopf wieder.

Irgendwann dröhnte mein Kopf und ich konnte nicht mehr denken. Ich zitterte und krümmte mich. Sehnte mich nach Wärme und legte mich in die Badewanne. Ah. Das warme Wasser tat gut. Ich lag über eine Stunde im sanften Badewasser, bis mir fast die Augen zufielen und ich ins Bett kroch.
 Völlig erschöpft schlief ich in den frühen Morgenstunden ein.

Am nächsten Morgen erwachte auch die Macherin in mir und ich rief gleich im Brustzentrum an. Die Frau am Telefon war sehr mitfühlend und engagiert, nachdem ich ihr meine Situation schilderte. Sie gab mir einen Termin für ein Vorgespräch am kommenden Montag und bot mir an, auch einen Termin für die OP rauszusuchen. Am Freitag in acht Tagen könnte ich bereits operiert werden. Die Aufnahme wäre am Vortag. 
Puh, das ist schnell. Aber gut so, dachte ich. Bis dahin gibt es noch viel zu erledigen und organisieren.
Ich wollte alles Notwendige tun, damit der wieder aus meinem Körper verschwindet.

Am Nachmittag kam meine Mutter in unserem Ferienort an. Es tat so gut, sie an meiner Seite zu haben. Sie entlastete ich bei den Kindern. Abends, als die Kinder schliefen, saßen wir noch lange zusammen und redeten.
Am Wochenende fuhren wir dann zurück nach Berlin. Meine große Tochter Juschi, die ich inzwischen informieren konnte, kam extra angereist, um uns zu unterstützen
Montag begann die Schule wieder. Und mein Termin im Brustzentrum stand bevor, bei dem ich näheres über den Tumor und die geplante Behandlung erfahren sollte. 
Noch wusste ich so wenig über den Tumor, der wie ein Gangstarappa mit tief über das Gesicht gezogener Kapuzenkappe neben mir hockte.

Um 10 Uhr vormittags hatte ich den Termin im Brustzentrum. Vorher fuhr ich noch bei meiner Frauenärztin vorbei, um den Befund abzuholen. Die Sprechstundenhilfe gab mir einen Briefumschlag, in  dem der Befund steckte. Kaum war ich auf der Strasse, zog ich ihn heraus und las ihn mir durch. Ich verstand kam etwas:
“…invasives Mamakazinom mit lobulärem Wachstumsmuster, Grad II, HER -2/neu: Score 3+…”
Ich holte mein Smartphone raus und googelte den Befund. Ich las: “Patientinnen, die einen HER2-psitiven Tumor haben, haben im Vergleich zu Herz2-negativen Patientinnen einen aggressiveren Krankheitsverlauf und der Tumor tritt schneller wieder auf.” (Roche)


Ach du Scheiße. Mir wurde ganz flau im Magen. Nicht schön. Überhaupt nicht schön.
Auch das, was ich weiter las, trug nicht zu meiner Beruhigung bei. Es war ein ziemlich fieser Gangstarappa, der sich in meiner Brust festgesetzt hat. Hochaggressiv und bereit, seine Spuren überall in meinem Körper zu verteilen.

Die Angst krallte sich wieder an mir fest.

Ich fotografierte noch meinen Befund und steckte mein Handy in meine Tasche. Der Termin im Brustzentrum nahte.
Kurz vor 10 Uhr betrat ich die Anmeldung des Brustzentrum im 6. Stock der Klinik. Die Wände waren in warmen Rosetönen gehalten. Ich gab an, dass ich einen Termin um 10 Uhr hatte und die Schwester bat mich, noch einen Moment zu warten.

Ich setzte mich auf die gepolsterte Bank, dicht neben mir saß meine Angst und flüsterte mir in einem fort “HER2 positiv -hochaggressiv” ins Ohr.
Auf der anderen Seite saß der Gangstarappa, dessen Kapuze ein leichtes Lächeln freiließ. 
Ich schaute mir die anderen Personen im Raum an. Eine Türkin wurde gleich von 4 anderen Personen begleitet, doch sie saßen da und redeten nicht viel.
Eine andere Frau saß mit ihrem Freund mir gegenüber. Sie hielten die ganze Zeit Händchen.

Nach einer Weile wurde ich aufgerufen. Die Sprechstundenhilfe teilte mir die Raumnummer und den Namen der Ärztin mit, bei der ich mich einzufinden hätte.

Ich bewegte mich durch die Gänge des Brustzentrums und kam zu einer offenstehenden Tür, in dem eine junge blonde Ärztin saß. Sie stellte sich vor und bat mich hinzusetzen.
Ich erzählte ihr von meiner Biopsie und gab ihr den Befund meiner Frauenärztin. 
“Meine Ärztin sagte zu mir, ich solle möglichst bald operiert werden und danach solle ich Bestrahlungen bekommen. Deswegen bin ich hier,”, erklärte ich ihr.
Die Ärztin schaute sich den Befund lange und gründlich an. Dann erläuterte sie mir Teile des Befunds.
“Der Tumor hat Hormonrezeptoren, das ist gut, denn da können wir mit der Therapie ansetzen. Er hat auch HER2 Rezeptoren, das ist nicht so gut, denn die stehen für starkes Wachstum.”

Sie legte ein Blatt Papier auf den Tisch und zeichnete mit einem Stift die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten auf.

Sie schrieb oben Operation und daneben Bestrahlung.

“Ein Teil der Tumore werden mit einer OP und anschließender Bestrahlung behandelt. Die Bestrahlung soll eventuell verblieben Tumorzellen vernichten.” sagte sie dazu.
Neben das Wort Bestrahlung schrieb sie “Chemotherapie”.

“Bestimmte aggressivere Tumore werden anschließen oder auch vor der Operation mit einer Chemotherapie behandelt, um Metastasen zu verhindern”, redete sie weiter.

Dann schrieb sie am Ende der Zeile “Antikörper” auf.

“Der HER2 positiv Tumor hat besonders viele Wachstumsrezeptoren. Da können wir mit Antikörpern ansetzen,” erläuterte sie.
Mir schwante bereits, was kommen sollte.

Sie schaute mich an und umkreiste die Wörter “Operation und Bestrahlung”.
“Bei vielen Tumoren reichen diese 2 Behandlungsmethoden.”
Ja, so hatte ich es ja auch erst gedacht.
Dann zog sie einen etwas größeren Kreis um die Worte “Operation, Bestrahlung und Chemotherapie.”
“Einige Tumore brauchen zusätzlich eine Chemotherapie.”
Schlussendlich umkreiste sie die Worte “Operation, Bestrahlung, Chemotherapie und Antikörper.”
“Und bei Ihren Tumor brauchen wir das ganze Programm von Chemotherapie, Operation, Bestrahlung und Antikörpern.”

Bamm. Das saß. So sah der Plan für mich aus. Mir wurde schwindelig.

Sie übereichte mir einen schicken Ordner vom Brustzentrum und erklärte mir, was ich nun zu tun hätte.
Könnte sie nicht auch noch mal den Satz “Daran werden Sie nicht sterben” sagen, so wie die Frauenärztin und die Radiologin? Tat sie aber nicht. Wie gemein!
 Es stünden einige Untersuchungen an. Frau M. vom Brustzentrum wurde die Termine für mich dafür machen. Ach ja, die nette Frau vom Telefon.
Dafür bräuchte ich die Überweisungen von meiner Frauenärztin und so bald wie möglich ein Blutbild. Danach bat sie, meinen Oberkörper freizumachen und mich auf eine Liege zu legen. Sie schaute sich sich den Tumor noch mal selbst mit dem Ultraschall an und nahm seine Maße. Anschließend malte sie seine Position mit Stiften an und fotografierte mich vor einer weißen Wand.

“Wollen sie jetzt über die Nebenwirkungen der Chemotherapie aufgeklärt werden oder lieber an einem anderen Tag?”, fragte sie mich noch.
“Lieber jetzt”, antwortete ich, “sonst fange ich eh nur an zu googeln.”
Sie nahm den 6 Seiten langen Aufklärungsbogen und erläuterte mir alle häufigen und auch die seltenen Nebenwirkungen. Puh. Heftig.
Dann schickte sie mich runter ins Brustzentrum zu Frau M.

Frau M. war wie am Telefon freundlich und mitfühlend. Sie erklärte mir noch mal, welche Untersuchungen ich vor der Chemotherapie machen sollte. Neben dem Blutbild sollte mein Herz gecheckt werden. Außerdem sollte ein CT vom Unterleib und ein Knochenszintigramm vom Skelett gemacht werden, um den Körper auf Fernmetastasen zu untersuchen. Der Port für die Infusionen sollte gelegt werden. das bedeutete eine ambulante Operation. Außerdem würde der Tumor noch mit einem Drahtclip markiert werden. Falls er nämlich unter der Chemo verschwinden würde, könnten die Chirugen noch erkennen, wo das Tumorbett ist.

“Kann ich über ihre Zeit verfügen, um Termine zu machen?” fragte sie. Ich war froh, mich nicht selbst darum kümmern zu müssen und sagte:
“Bis auf Morgen, da ist Kindergeburtstag, ja.”
Sie rief gleich beim Kardiologen an und machte einen Termin für übermorgen und einen weiteren in der Radiologie nächste Woche. “Da habe ich viel Zeit zum Lesen und ich habe viele Bücher, die gelesen werden wollen”, sagte ich zu ihr, als mir bewusst wurde, wie viel Zeit ich ab jetzt in Warteräumen verbringen würde.
Im Gespräch stellten wir noch fest, dass ein guter Freund von ihr der Koch an der Schule meiner Kinder ist. Und auch sie eins ihrer Kinder Zuhause geboren hat. Meine Kinder sind alle zu Hause zu geboren.
Und jetzt war ich plötzlich im Krankenhaus total.

Nach dem Termin im Brustzentrum fuhr ich weiter zu meiner Frauenärztin für die Überweisungen und zur Blutabnahme. 
Außerdem rief ich meine große Tochter Juschi an. Sie wollte in die Frauenarztpraxis kommen und mich unterstützen.
Während ich im Flur vor der Anmeldung wartete, im Schoß lag mein schicker Ordner vom Brustzentrum, kam eine sehr dünne Frau herein und setzte sch auf den Stuhl neben mir. Sie trug trotz des spätsommerlich warmen Wetters eine Wollmütze. Mit einer schwungvollen Geste nahm sie die Mütze ab und eine prächtige Glatze enthüllte sich. Willkommen im Club, schien diese Geste zu sagen, die Todgeweihten grüßen dich.
Ich gehe schon seit über 25 Jahren in diese Praxis, nie ist mir eine Krebskranke aufgefallen. 
Warum gerade jetzt? Das erschien mir wie ein böses Omen und wie ein Blick in die Zukunft.
Ich sah mich bereits in wenigen Monaten haarlos und ausgemergelt dort sitzen, dem Tod näher als dem Leben.
Meine Phantasie lief Amok, der Gangstarappa stieß wilde Texte hervor und die Angst tanzte dazu Pogo.
Zum Glück wurde ich hereingerufen und bekam all meine Bescheinigungen. Offiziell krankgeschrieben war ich jetzt. Ende nicht absehbar.
Während ich auf die Blutabnahme wartete, döste ich im Wartezimmer völlig erschöpft ein. Endlich am Gedankenleere. Nach der Blutabnahme 45 Minuten später war meine Tochter Juschi noch nicht da. Ich rief sie an und wir verabredeten uns im Park Am Gleisdreieck.
Kurz darauf saß ich dort auf einer Parkbank und wartete auf Juschi. Nach wenigen Minuten kam sie angeradelt. Wir nahmen uns erst mal lange in den Arm und jetzt begannen meine Tränen zu fließen. Bisher hatte ich vor allem zugehört, funktioniert, organisiert…
Meine Seele ist dabei noch nicht hinterhergekommen. Jetzt konnte ich erst mal loslassen.
Wir schlossen unsere Räder zusammen an und setzten uns in Parkcafé in die Sonne. Ich begann zu erzählen, über meinen Tag und die Diagnose.
Als ich den Namen des Tumors “HER2 neu positiv” erwähnte, unterbrach mich Juschi und sagte: “Das klingt ja wie eine Raumstation.” Ich lachte und sang: “Und dann hebt er ab und völlig losgelöst schwebt das Rauhaumschiff, völlig lösgelöhöhöhöhöst…”
So völlig losgelöst von meinem bisherigen Leben kam ich mir ja gerade vor.

“Und ich werde meine Haare verlieren,” sagte ich und mir stiegen wieder die Tränen hoch. Meine Haare. Ich bin ja nicht mit so einer dicken Matte gesegnet wie alle meine Kinder. Keines von ihnen hat meine feinen Haare, sondern sie haben alle einen kräftigen Schopf. Trotzdem, so ohne Haare zu sein war, die Vorstellung machte mir Angst. Auch wenn sie wiederkommen. 
“Ach, Mama, du ist immer schön, auch ohne Haare,” sagte Juschi, nahm eine Hand und schaute mir in die Augen, während mir die Tränen über die Wangen liefen.
“Ich will dir was geben von mir”, rief sie, nahm ihre wunderschönen langen braunen Haare in eine Hand und zeigte sie mir. “Ich schneide mir eine Glatze und wir machen aus den Haaren eine Perücke für dich.” schlug sie vor, “Oder mein Blut. Welche Blutgruppe habe ich eigentlich? Oder mein Knochenmark. Ich gebe dir mein Knochenmark.”
“Juschi, ich habe Brustkrebs, keine Leukämie”, lächelte ich. Meine wunderbare große Tochter hatte es geschafft, mich heute zum Lachen zu bringen. Meine Liebe zu ihr wuchs ins Unendliche.
Juschi überlegte das sie für Miris Geburtstag morgen eine Schnitzeljagd machen könnte.
Ja, der Kindergeburtstag morgen. Meine Jüngste freute sich seit Monaten darauf und redete seit Tagen von kaum etwas anderem.
Kurz darauf traf ich mich mit meinem Mann in unserem Lieblingsrestaurant. Wieder erzählte ich die Geschichte meines Tages. Plötzlich hatte seine Frau eine lebensbedrohliche Krankheit. Die letzten Jahre waren nicht einfach für uns gewesen und jetzt kam eine große Herausforderung auf uns zu. Wie würden wir es schaffen? Er sah sehr mitgenommmen aus. Auch bei mir flossen wieder viele Tränen. Ich konnte es nicht mehr zurückhalten. Wir hielten uns an den Händen und schauten uns an. “Ich bin an deiner Seite und stehe dir bei,” sagte er. Ich fühlte mich wie ein Blatt im Wind. Meine Gefühle wehten mich wild umher.

Wir saßen noch lange da, bis es Zeit würde zu gehen. Unsere jüngsten Kinder warteten. Mein Mann war mit der Vespa da, ich mit dem Rad und so verabschiedeten wir uns voneinander. 
Ich wollte gerade losfahren, da klingelte mein Handy. Es war die Mutter eines Mädchens, das meine Jüngste zu ihrem morgigen Geburtstag eingeladen hatte. Ach ja, der Kindergeburtstag morgen.
Bei den beiden Mädels gab es in ihrer Freundschaft noch ein ganz schönes Hin und Her. Die Mtter erzählte mir die Sorge, dass Miris Einladung nicht ernst gemeint war und ihre Tochter sich auf dem Geburtstag unwohl fühlen könnte.
Ich beteuerte ihr, dass es Miri sehr wichtig gewesen war, ihre Tochter einzuladen und das nicht einfach so war. Ich konnte sie da beruhigen. Dann erwähnte die Mutter noch die Glutenallergie von ihrer Tochter und ob da auch für sie etwas zu essen wäre.
Ich atmete schwer. Kindergeburtstag. Glutenallergie. Ich fühlte mich in dem Moment völlig überfordert mit der Aufgabe, neben dem Kindergeburtstag morgen noch für glutenfreies Essen zu sorgen. Ich konnte gar nicht mehr denken. Auch wenn ich bislang noch mit niemand Außenstehenden über meine Diagnose gesprochen hatte, entschied ich mich in dem Moment für Offenheit.
“Maria, ich komme heute vom Krankenhaus, wo mir mir meine Krebsdiagnose erklärt wurde. Ich habe einen aggressiven Brustkrebs und bin noch damit beschäftigt, das alles zu verdauen. Heute war ich den ganzen Tag im Krankenhaus und der Arztpraxis oder in Gesprächen darüber. Mein Kopf dröhnt und ist gerade total überfordert bei dem Gedanken an glutenfreies Essen. Ich würde dich bitten, mir etwas für deine Tochter mitzugeben.”

“Oh”
Lange Pause. Dann sagte sie: “Das tut mir sehr leid, dass ich gerade damit komme. Du hast im Moment sicher anderes im Kopf.”
“Deine Frage ist völlig okay und zu jedem anderen Zeitpunkt wäre ich ja bereit, dem entgegenzukommen. Das ist doch auch wichtig, dass es deiner Tochter gut geht. Das Leben geht weiter. Nur gerade fühle ich mich überfordert”, erklärte ich ihr. 
Sie hatte dafür Verständnis und wir verblieben so, dass sie zum Geburtstag mitkommen könne um so für ihre Tochter zu sorgen.
Am nächsten Tag war Miris Geburtstag. Sieben Jahre. Juschi hatte extra noch einen Kuchen am Abend zuvor für sie gebacken. Doch in der Nacht ist Juschi krank geworden. Sie lag mit fiebrig glänzenden Augen im Bett. Sie stand jedoch auf, um Miri zusammen ein Geburtstaglied zu singen und sie mit Kuchen und Kerzen zu wecken. Unten im Wohnzimmer wartete der Geburtagstisch auf sie. Miri hatte von mir das Playmobilhaus bekommen, was sie sich sehnlichst gewünscht hatte. Meine älteste Tochter, ebenfalls eine versierte Playmobilbauerin, baute geduldig mit ihr an dem Haus. Doch da es ihr sichtlich nicht gut ging, legte sie sich nach einer Weile wieder hin. Sie sorgte sich wegen der Schnitzeljagd, die sie versprochen hatte. “Wenn du krank bist, Juschi, dann geht das nicht. Dann ist es wichtig, dass du dich ausruhst. Oma kommt ja auch und macht Spiele mit den Kinder,” beruhige ich Juschi. Meine Mutter war ziemlich gut darin, mit Kindern am Geburtstag die klassischen Geburtstagsspiele zu machen.
Etwas später brachte ich die Kinder zur Schule und kaufte bei der Gelegenheit noch für den Geburtstag ein. Schwer bepackt kam ich nach Hause, schob alle Krebsgedanken beiseite und konzentrierte mich auf die Geburtstagsvorbereitungen.

Bis gestern früh war ich ja noch davon überzeugt gewesen, am Feitag bereits operiert zu werden. Daher hatte ich alle Gäste, die Freunde von Miri und die Verwandten, am selben Tag eingeladen und nicht wie sonst auf 2 Tage verteilt. Wir erwarteten also viele Gäste.

Miri und ihre Freundinnen holte ich von der Schule ab, die Kinderladenfreunde kamen etwas später dazu. Auch meine große Familie trudelte am Nachmittag ein und so war der Garten und das Haus voll mit Menschen jeden Alters. Miri bekam viel Zubehör für ihr Playmobilhaus geschenkt, was sie mit ihren Freundinnen gleich auf der Terrasse aufbaute. Und heute durfte sie endlich die Pinata zerschlagen, auf die sie schon so lange wartete. Meine Mutter leitete ein paar Spiele an, bei denen die Kinder begeistert mitmachten, sogar die älteren. Miri lachte viel und freute sich, dass fast alle ihre Freunde da waren.
Ich hatte alle Hände voll zu tun und merkte allmählich, wie erschöpft ich war. Um halb Acht abends waren immer noch viele Gäste da. Es war wunderbares Sommerwetter und natürlich verlockte es viele Eltern zum bleiben. Doch ich sehnte mich allmählich nach mehr Ruhe. 
Einige Gäste wussten bereits von meiner Krebserkrankung, andere nicht und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, darüber immer wieder zu sprechen. Aber natürlich kamen Fragen. Am Ende des Tages spürte ich innere Erschöpfung. So war ich froh, als schließlich kurz nach neun die letzten Gäste gingen und ich Miri ins Bett bringen konnte. Ich war froh, trotz allem Miri einen schönen Geburtstag bereitet zu haben. Dachte ich zumindest.

Doch im Bett beschwerte sich Miri über die fehlende Schnitzeljagd. Juschi lag ja krank im Bett und konnte sie nicht machen. Doch das minderte nicht Miris Enttäuschung. Sie begann zu weinen, immer stärker. “Das war so ein schrecklicher Geburtstag. Du bist so eine gemeine fiese Mama, weil du deinem Kind einen so schrecklichen Geburtstag gemacht hast. Ich hasse dich.”
Sie war völlig aufgebracht. Als ich sie in dem Arm nehmen wollte, schlug sie nach mir.
“Ich schlafe jetzt auf dem Fußboden, weil du ja dich nicht um mich kümmerst. So ein Scheiß-Geburtstag.”, schrie sie und legte sich auf den Teppich vor meinem Bett.
Da lag sie dann auf dem Fußboden, zusammengekrümmt, die Arme fest verschränkt, ganz klein.  Ich spürte, dass all die Belastungen der letzten Tage jetzt aus ihr herausbrachen. All die Tränen, die bisher nicht geweint waren. Die Angst, die sie hatte. 
 Meine wunderbare Tochter. Wie gerne hätte ich ihr es erspart, ihrem Geburtstag ohne diesen Schatten Krebs zu erleben.
Ich watete, bis ihr Atem ruhiger wurde. Dann beugte ich mich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: “Ich nehme dich jetzt zu mir ins Bett und halte dich ganz fest bei mir.”
Ich nahm sie wie ein Baby in meinen Arm, was sie jetzt widerstandslos geschehen ließ.
Wir kuschelten uns ganz eng zusammen und ich sagte ihr: “Miri, ich liebe dich immer, egal was du sagst. Auch wenn du Scheiß-Mama sagst, ich liebe dich.”
“Ich liebe dich auch, Mama, ” hauchte sie, “nur den Krebs, den finde ich blöd.”
“Ja, Süße, den kannst auch blöd finden. Ich finde den auch blöd”, antwortete ich.
Sie schmiegte sich an mich und schlief kurz darauf ein. 

.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.