Brustkrebstagebuch,  Früherkennung

Bis auf den Krebs bin ich gesund #4

Brustkrebstagebuch Notiz 4

Sechs Tage waren seit dem Befund vergangen.

Ich befand mich seitdem in einem heftigen Gefühlsaufruhr. Lag ich auf meinem Bett, rannen die Tränen meine Wangen herab wie bei einem lecken Wasserrohr. Die Diagnose machte mir Angst.
Todeangst.
Würde meine Kinder groß werden sehen?
Meine Enkel erleben?
Noch meine Träume verwirklichen können?

Es war ein hochaggressiver Krebs, der sich in meiner linken Brust festgesetzt hatte. Im Liegen konnte ich inzwischen sehen, wie sich dort, wo er sich befand, eine Wölbung abzeichnete.

Und bei dieser Krebsform, dem HER2 positiv, bestand die Gefahr von Metastasen, weil er gerne streut. Ab dem Zeitpunkt, an dem Metastasen im Körper gefunden werden, gilt die Erkrankung nicht mehr als heilbar. Die Behandlung nennt sich dann palliativ und nicht mehr kurativ. Auf die Lebensverlängerung statt auf die Heilung ausgerichtet.

Und wo stehe ich? Hatte ich bereits Metastasen? War vielleicht mein ganzer Körper schon voller Metastasen?


Ich reagierte auf jedes noch so kleine Pieksen im Körper. Bei einem Stechen unter den Rippen befürchtete ich eine Lebermetastase. Taten die Rippen selber mal weh, vermutete ich, dass der Krebs bereits in die Knochen gestreut hatte.


Mein Kopfkino lief Amok. Ich versuchte mich durch Atem und Meditation immer wieder in die Gegenwart zu bringen, was mal mehr, mal weniger gut funtionierte. Die Angst war da und wich nicht von meiner Seite.
Was ist, wenn ich bald sterbe?
Würde sich meine Jüngste noch an mich erinnern?


Vom Brustzentrum hatte ich jede Menge Inormationen bekommen, die ich nach und nach durcharbeitete. Welcher Therapie wollte ich folgen?
So viele Entscheidungen, die ich zu treffen hatte.


Außerdem standen jetzt die sogenannten Staging-Untersuchungen an.

Mein Herz sollte gecheckt werden, ob es den Belastungen der Chemo standhalten konnte. Und der Körper sollte nach Metastasen abgesucht werden.
Eine Operation für die Portimplantation stand an. Der Port ist ein dauerhafter Zugang zur Hauptschlagader, damit für die Chemoinfusionen nicht jedesmal neu ein Zugang gelegt werden müsse.

Am nächsten Tag hatte ich die erste der Untersuchungen beim Kardiologen. Da ich ja mit einem Notfalltermin kam, saß ich ziemlich lange im Wartezimmer, bevor ich aufgerufen wurde. Ich nutzte die Zeit, um einer Frau aus Berlin-Kreuzberg zu schreiben, die vor 9 Monaten eine Krebsdiagnose erhalten hatte. Wir kannten uns aus einer Mastermind-Gruppe. Sie reagierte gleich und bot mir an, dass wir uns treffen könnten.

Dann rief mich die Assistentin zum EKG, der völlig unauffällig war.
Nur beim Blutdruckmessen rief sie: “Ach, Gottchen, wie niedrig.”
Naja, damit kann ich ja alt werden. Dachte ich bisher zumindest, bis mir der Krebs in die Quere kam.

Wieder wurde ich ins Wartezimmer geschickt. Eine Stunde später hatte der Arzt endlich Zeit.

“Das ist ja leider nicht so ein schöner Anlass für den Besuch. Gibt es denn weitere Vorerkrankungen bei Ihnen?” begrüßte er mich.
“Nein, gar nichts. Bisher bin ich völlig gesund gewesen”, antwortete ich.
Er stellte noch ein paar weitere Fragen, auch zum familiären Hintergrund, dann bat er mich auf die Liege zum Herzultraschall.

Er erklärte mir jedes Mal genau, was zu sehen war, welche Herzkammer gerade aktiv ist. Das Ergebnis war wieder ei völlig unauffälliges Herz. Es schlug kräftig und gleichmäßig.

Meinem lieben Herzen durfte also die Strapazen einer Chemo zugemutet werden.

Ich war froh über das Ergebnis, hatte ich mir doch schon wieder insgeheim einen unendeckten Herzfehler vorgestellt. Wenn ich Krebs habe, wer weiß, was da noch alles in meinem Körper unerkannnt lauert. Das Vertrauen in meinem Körper war gebrochen.
Die Blutwerte waren gut.
Mein Herz war zuverlässig.

Jetzt stand noch die wichtigste aller Staging-Untersuchungen an: Das Knochenszintigramm und der CT von Leber, Niere und Lunge. Falls ich Metastasen hätte, würden sie dabei entdeckt werden.

Sechst Tage später war es soweit. Die Tage vorher machte ich mich wieder mit allen möglichen Symptomen verrückt. Ich war inzwischenso gut wie sicher, mehrere Metastasen zu haben, unheilbar krank zu sein. Wenn mein Körper mir den Brustkrebs verschafft hatte, trotz meines präventiven Lebensstils, warum nicht auch noch ein paar Metastasen?
Ich schlief wenig und schlecht. Spätestens um halb drei nachts rannten die Gedanken im Kopf in alle Richtungen.

Endlich war der Tag des CTs und des Knochenszintigramms gekommen. Die Untersuchungen sollten mehrere Stunden dauern. Ich fuhr mit dem Bussi zur Praxis, um mich zwischendurch mal hinlegen zu können. Ich hatte ja mein Bett im Auto. Zum Glück fand ich direkt gegenüber einen Parkplatz.

Pünktlich um Acht fand ich mich an der Anmeldung der Paxis für Nuklearmedizin ein. ein.

Die Schlange vor der Anmeldung war bereits lang. Als ich die Wartenden betrachtete, dachte ich, hier gehöre ich nicht her. Mehrere Menschen warn stark übergwichtig, der Mann vor mir roch so stark nach Zigarettenrauch, dass mir fast übel wurde. Sie sahen alle so krank aus. Kein Wunder, dass sie hier sind, dachte ich. Doch gleich schämte ich mich für den Gedanken. Ich kenne ja ihre Geschichte nicht und wer weiß, wie ich in ein paar Monaten aussehe. Und immerhin war ja etwas in mir auch krank, auch wenn ich nicht danach aussah.
Ich gehörte gerade auch hierher. Das war eine bittere Erkenntnis.
Bei der Anmeldung gab ich meine Blutwerte ab und wurde nach nur kurzer Wartezeit bereits aufgerufen.

Ein freundlich lächelnder Arzt mit einem dichten dunkelblonden Vollbart begrüßte mich mit den Worten: “Das ist ja kein so erfreulicher Grund für ihren Besuch.”

Er erklärte mir nochmal die bevorstehenden Untersuchungen und sprizt mir ein schwach radioaktives Kontrastmittel für den MRT ein.
“Das wird reichen, Sie sind ja schlank”, meinte er, als er die Spritze aufzog. Wie nettt.


Er schickte mich weiter in ein anderes Stockwerk, wo ich ein weiteres Kontrastmittel bekam. Ich sollte einen 3/4 Liter innerhalb der nächsten 30 Minuten trinken und dann 3 Stunden warten, damit es sich im Körper verteilen konnte.


Ich trank es und wurde danach zum CT gerufen.
Die Radiologieassistentin zeigte mir, wo ich mich hinlegen sollte und dass ich immer, wenn eine entsprechende Ansage kam, die Luft anhalten solle. Sie verschwand im Nebenraum und ich war mit dem Gert, was über meinen Körper fuhr allein.
Mehrmals wurde ich zum Luftanhalten aufgefordert.


Als Untersuchung beendet war und die Assistentin wieder rauskam, sagte sie: “Die genaue Auswertung kommt noch, aber auf den ersten Blick konnte ich nichts entdecken. Noch nicht mal eine kleine Zyste an den Nieren. Und das haben viele Menschen.”
“Danke,” atmete ich erleichtert aus, “Ja, bis auf den Krebs bin ich gesund.”

Nun hatte ich mehrere Stunden frei, bis das Getränk sich im Körper verteilt hatte. Um eins sollte ich wieder da sein. An schlafen war nicht zu denken und so ging ich in das nahe Einkaufszentrum, um im Buchladen mir die Zeit zu vertreiben.

Um eins ging es in einer anderen Etage zum Knochenszintigramm. Knochenmetastasen sind bei Brustkrebs eine häufige Komplikation und solltenvor Beinn der Behandlung ausgeschlossen beziehungsweise entdeckt werden.


Wieder legte ich mich nach Anweisung einer Assistentin auf ein Gerät. Während der Untersuchung sollte ich mich möglichst nicht bewegen. Ich lag also so still da, wie es ging, während ein metallenes Gerät ganz langsam ganz dicht über meinen Körper fuhr.
Besonders der Kopf wurde ganz gründlich untersucht.


Die Zeit kam mir ewig vor, doch irgendwann kam es endlich vorbei. Ich zog mich wieder an und die Assistentin sagte, dass der Arzt noch mal für einen Erstbefund kommen wurde.


Kurze Zeit später kam der freundliche vollbärtige Arzt und meinte:
“So, wie es aussieht, ist nichts zu finden. Eine Athrose am linken Knie, aber sonst keine Auffälligkeit an den Knochen. Wir werden zwar noch eine gründliche Auswertung machen, aber ich bin mir sicher, dass auch da nichts zu finden sein wird.”
In dem Moment fiel mir ein zentnerschwerer Stein vom Herzen.

“Hurrah, ich habe nur Brustkrebs,” rief ich laut und lachte. “Bis auf den Krebs bin ich gesund. Hurra.”
Ich hätte am liebsten den Arzt und die Assistentin gedrückt und abgekutscht. Der Arzt freute sich sichtlich mit mir. “Das habe ich ihnen doch gleich gesagt, dass da nichts sein würde,” sagte er.

Hatte er? Na, egal. Hauptsache keine Metastasen. Ich gelte als heilbar. Yeah!

Ich verließ die Praxis beschwingt und gut gelaunt in dem Gefühl, ich habe mein Leben zurück. Das bißchen Brustkrebs, das kriege ich auch noch hin. Das ist doch noch heilbar und kann wieder verschwinden. Keine Metastasen. Das war schöner als Weihnachten und Geburtstag zusammen.
Und dann machte ich was, das wahrscheinlich viele Frauen gerne machen. Ich ging zurück ins Einkaufszentrum und kaufte mir etwas zum anziehen. Das lohnt sich ja jetzt doch noch, fand ich.


Drei Tage später hatte ich im Brustzentrum einen Termin mit der behandelnden Ärztin. Sie besprach mit mir das Ergebnis der Tumorkonferenz.


“Wir haben lange über ihren Fall gesprochen”, teilte sie mir mit, “und wir möchten bei Ihnen die Taxol- und Antikörperzyklen an den Anfang der Therapie stellen, da wir vermuten, dass ihr Tumor daraauf am stärksten reagiert. Falls im Ultraschall anschließend kein Tumor mehr zu finden ist, würde das Tumorbett operativ entfernt werden. Falls auch nach der Untersuchung des Gewebes keine aktiven Tumorzellen mehr zu finden sind, würden die Epirubicinzyklen ausgelaassen würden. Kommt es zu keiner Remission, würden sie im Anschluß an die Taxol beziehungsweise die Operation erfolgen.”

Hm. Das würde im günstigen Fall drei Monate weniger Chemoherapie bedeuten. Und vor allem würde dann die belastendste Chemo, die Epirubicin, wegfallen.

“Ja, das hört sich vernünftig an. Dann machen wir das doch so”, stimmte ich der Ärztin zu.

“Gut. Dann finden sie sich unten im Brustzentrum am 26.August zur ersten Chemtherapie ein. Sie haben ja unten gleich noch einen Termin zur Kühlkappenanprobe und können dann mit der Schwester alles weitere besprechen. Jtzte möchte ich den tumor noch mit einem Clp markieren, damit wir wissen, wo das Tumorbett ist, falls es nach der Therapie auf dem Ultraschall nicht mehr zu finden ist.”

Sie gab mir eine örtiche Betäubung und implantierte mithilfe des Ultraschalls den Clip in meiner linken Brust. Das fühlte sich trotz der Betäubung ziemlich unangenehm an. Ich hatte auch noch den ganzen Tag über Schmerzen und Ziehen auf der Seite. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Nun gab es nur noch eine Hürde vor der Chemo: die Portoperation. Der Port ist ein dauerhafter Zugang zur hauptschlagaer, der unterhalb des Schlüsselbein unter die Haut geschoben wird. Damit soll das wöchentliche Legen des Tropfes erleichtert werden, denn die Schwestern brauchten nicht jedesmal neu eine gute Vene suchen. Außerdem führte vom Port ein Schluch direkt zur großen Schlagader am Herzen. Die Venen am Arm sind viel dünner und werden vom Chemomedikament recht stark strapaziert.

Für die Portoperation bekam ich von Frau M. einen Termin in einer ambulanten chrurgischen Praxis in meiner Nähe. Marko begleitete mich zur Praxis.

Die Operation würde unter einer kurzen Vollnarkose gelegt. es wäre zwar auch unter örtlicher Betäubung mögich, doch das wäre mir nicht angenehm zuzusehen, wie der Arzt in der Nähe meines Kopfes ewas in meinen Körper einbringt. Der Chirurg kam noch mal, um uns alles ganz genau zu erklären. Auch den Port brachte er mit, damit wir ihn uns anschauen konnten. Ganz groß war er, wie ein metallener Klingelknopf. Und der Schlauch, der zu meinem Herzen führte, war recht lang. Die Vorstellung, das in meinem Körper zu haben, war doch recht unheimlich. Auch machte die Operation die ganze Krebsgeschichte so real. Ab jetzt ging es ans Eingemachte.


Nachdem der Chirurg und die Anästhestin mich über mögliche Komplikationen aufgeklät hatten, wurde mir ein Zugang in den Arm gelegt und die Assistentin spritzte ein Betäubungsmittel. Ich merkte noch, wie ich in den OP-Raum geschoben wurde und gltt dann einen traumlosen Schlaf.

Als ich kurze Zeit später erwachte, hatte ich ein großes Pflaster auf meinem rechten Schlüsselbein. Die rechte Seite tat mir weh, doch sonst fühlte ich mich gut. Ich hatte die erste OP hinter mir.


Von der Liege neben mir, die durch einen Vorhang getrennt war, hörte ich die Diskussion einer Patientin mit dem Arzt mit. Sie sollte auch einen Port bekommen und wußte nicht, ob sie eine Vollnakose oder lieber eine örtliche Betäubung wollte. Der Arzt versicherte ihr, dass beides möglich sei. Dann ging er noch mal weg, um ihr zeit zum Nachdenken zu geben.

“Bekommst du den Port auch wegen Brustkrebs gelegt?”, fragte ich sie durch den Vorhang.
“Äh, ja,” antwortete sie überrascht, “du auch.?
“Ja, bei mir war die Op gerade eben,” erklärte ich ihr.
“Und, hattest du eine Vollnarkose?”, wollte sie wissen.
“Ja, eine örtliche Betäubung hätte mich zu sehr gestresst. Ist auch alles gut gelaufen. Aber das ist ja bei jedem anders, was einem am meisten belastet,” sagte ich,
“Dann beginnt bei dir jetzt auch bald die Chemo, oder? Wo bist du denn?” wollte ich wissen.
“Im Brustzentrum vom Urbankrankenhaus.”
“Ach, ich auch. Bei mir geht es am Montag los.”
“Bei mir am Dienstag.”
“Ich wünsche dir alles Gute. Vielleicht ehen wir uns mal dort,” wünschte ich der körperlosen Stimme von nebenan.
“Dir auch,” verabschiedete sie sich, denn der Arzt kam zurück, um zu erfahren, wie sie sich entschieden hatte.
Ichblieb noch eine Weile auf der Liege, bis sich mein Kreislauf wieder stabilisiert hatte und ich etwas gegessen und getrunken hatte. Dann holte mich Marko ab und brachte mich zu meiner Mutter, wo ich mich von der OP erholen wollte.


Alle Voruntersuchungen und Maßnahmen waren durch. Eine Woche noch und dann würde die Chemotherapie beginnen. Ich erwartete sie mit einer Mischung von Vorfreude und Nervosität. Freude, weil es endlich losgehen würde damit, es dem Gangstarappa in meiner Brust ungemütlich zu machen. Nervosität, weil ich Angst hatte, dass es mir unter der Therapie nicht gut gehen würde.
Ich beschloß, die Chemotherapie zu meinem Freund zu machen.

Einem Freund, der mir hilft, den Krebs, dem Gast ohne Einladung, wieder auszuladen. Und ich wollte all die Dinge tun, die meinem Körper und meiner Psyche helfen würden, gut durch die Therapie zu kommen.

Bis auf den Krebs bin ich gesund

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