Brustkrebstagebuch,  Früherkennung

Brustkrebsverdacht! #2

#Brustkrebstagebuch Notiz 2

Krebs? Ich? Nee?
Kann nicht sein!

Aber da war nun mal der Knoten in meiner linken Brust.

Endlich rief ich also in der Frauenarztpraxis an und bat um einen Termin. Normalerweise dauert es Wochen, bevor ich einen Termin bekomme. Doch die Worte “Knoten in der Brust” verschafften mir einen Termin am nächsten Tag.

Nach 2 Stunden Wartezeit konnte ich endlich zur Ärztin. Sie hörte sich meine Sorge wegen dem Knoten an. Dann bat sie mich auf die Liege, um einen Ultraschall zu machen . Natürlich erwartete ich eine Entwarnung: “Ach, ja, das sieht ganz typisch aus wie ein Fibroadenom. Da brauchen sie sich keine Sorgen machen. Kommen Sie einfach in einem halben Jahr zur Kontrolle.” Und tschüß!.

Doch sie runzelte die Stirn, als sie zu dem Knoten kam, der nahe den Rippen über dem Herz auf der linken Seite saß. “Hm,” machte sie, “am unteren Rand ist der Knoten klar abgegrenzt, das ist schon mal gut. Aber in dem Bereich, da gibt es keine klare Grenze. Das muss unbedingt weiter abgeklärt werden mit einer Mammographie und gegebenenfalls einer Biopsie.”

Sie sah meinen Blick und meinte: “Daran werden Sie nicht sterben. Das ist heute gut behandelbar. Und es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass es ein Fibroadenom ist.”

Wir setzten uns an ihrem Schreibtisch. Sie bot mir an, dass die Mitarbeiterinnen gleich einen Termin in der Radiologie machen könnten. “Ja, das wäre gut,” murmelte ich.

“Und wenn es Krebs ist, wie ist dann die Vorgehensweise?“ wollte ich wissen.

“Dann wird in der Regel brusterhaltend operiert und anschließend wird der Bereich für 8 bis 12 Wochen bestrahlt. Brustkrebs ist kein Notfall. Sie haben noch genügend Zeit, sich zu informieren und in Ruhe Entscheidungen zu treffen.” Sie schaute mich erwartungsvoll an.

“Ich warte mit der Panik, bis ich genaueres weiß,” erklärte ich ihr.

“Ja, dass ist wahrscheinlich gut. Wenn Sie noch fragen haben, können sie mich jederzeit anrufen,” bot sie an.

Wir verabschiedeten uns mit einem Termin für die Radiologie verließ ich wie betäubt die Praxis.

Daran werden Sie nicht sterben.

Was soll denn das Gerede von Sterben. Das wollte ich gar nicht hören, auch nicht das Nicht-Sterben. Ich atmete schwer und ich lehnte mich an eine Hauswand. Okay, der Plan ist: Mammograpie, wahrscheinlich Biopsie und dann kriege ich bestimmt endlich die Entwarnung. Ich habe doch kein Risiko. Geht doch gar nicht mit dem Krebs. Ich habe doch noch kleine Kinder. Die brauchen mich noch.

Es waren Sommerferien.
Ich fuhr mit den Kindern in den Ort in Hessen, in dem wir ein 400 Jahre altes Fachwerkhäuschen haben und in dem wir oft in den Ferien. Gerade fand dort wie alle 2 Jahre ein Folklorefestival statt und das ganze Städtchen tobte.
Die Kinder liebten es, alles so aufregend. Am letzten Abend tanzte ich mit ihnen auf dem mittelalterlichen Marktplatz. Und während ich tanzte, flog der Gedanke vorbei: “Und wenn es jetzt das letzte Mal ist, das ich hier mit ihnen tanze?” Mein Herz wurde schwer und die hell beleuchteten Fachwerkhäuser verschwammen vor meinen Augen.

Eine Woche später hatte ich den Termin in der radiologischen Praxis am anderen Ende von Berlin. Es war Sommerzeit, Ferienzeit und alle Praxen waren nur dünn besetzt. Nach nur kurzer Wartezeit wurde ich bereits aufgerufen. Ich entkleidete meinen Oberkörper und folgte den Anweisungen der freundlichen Radiologie-Assistentin. Bei der Mammographie wird die Brust zwischen zwei Platten gequetscht, um möglichst viel von der Brust aufnehmen zu können. “Der Knoten ist nicht mit auf der Platte”, sagte ich zu ihr, als sie loslegen wollte. Wir versuchten die Brust passend zu ziehen, aber es reichte nicht. Der Rippenhocker machte nicht mit und bei der Mammographie war er nicht zu sehen.

Kurze Zeit später rief mich die Ärztin ins Sprechzimmer, um die Aufnahmen zu besprechen und erneut einen Ultraschall zu machen. Auch wenn der Knoten auf der Aufnahme nicht zu sehen war, weil er zu dicht an der Rippenwand saß, so war wenigstens kein weiterer Knoten zu sehen. Wenigstens etwas positives.

Die Radiologin bat mich also ebenfalls auf die Liege, um sich den Knoten mit dem Ultraschallgerät anzuschauen. Auch sie schaute sehr ernst, als sie den Knoten sah. “Da müssten wir auf jeden Fall eine Biopsie machen, um das abzuklären. Lassen Sie sich vorne einen Termin geben.”

Ich zog mich an und sagte zu ihr dabei: “Ich habe einfach gar nicht damit gerechnet, dass es etwas bösartiges sein könnte. Ich habe doch so gar kein Risiko.”

Sie schaute mich von oben bis unten an und antwortete: “Nein, so sehen Sie auch nicht aus. So schlank und gesund, wie Sie aussehen.”

Danke für das Kompliment. Half aber auch nicht gegen die langsam aufkommende Panik.Und was ist, wenn doch…

“Daran werden Sie nicht sterben,” sagte sie noch und verabschiedete sich mit einen warmen Händedruck. Woher will sie das denn wissen? Zuviel Gerede vom Sterben für meinen Geschmack.

Ein paar Tage später hatte ich den Termin zur Gewebeentnahme in derselben Praxis. Mein Mann kam diesmal mit, um mich emotional zu stützen. Wieder brauchten wir kaum warten. Auf einer Liege nahm ich Platz und wurde für die Biopsie vorbereitet.

Mit einer langen Kanüle wurden 2 Gewebeproben unter Druck entnommen. Das war zwar etwas unangenehm, aber erträglich. Doch es machte den Krebsverdacht so real, denn es war der erste Eingriff in meinen Körper. Die Ärztin legte die Gewebeproben in ein Reagenzglas auf einem Tablett und dann passierte es ihr: Sie stieß an das Tablett und die Reagenzgläser mit den Gewebeproben fielen hinunter. Eine landete auf dem Fußboden, die andere auf ihrer Hose. Mein Mann schaute erschrocken, ich verdrehte die Augen, um zu sehen, wo denn mein Gewebe liegt. Der Ärztin war es sehr peinlich und sie sammelte die Proben mit der Pinzette auf und stopfte sie wieder in die Reagenzgläser. Mein Mann fragte, ob das jetzt das Ergebnis verändern könnte.

Die Ärztin beruhigte uns, aber ganz wohl war uns dabei nicht.

Als wir die Praxis verließen, stellten wir uns vor, wessen Gewebeproben da vielleicht noch alles gelandet sind und welche Krankheiten mir jetzt diagnostiziert werden könnte, weil da jetzt noch was anderes  bei ist.

Auch wenn wir dabei lachten, hatte ich ein ungutes Gefühl. Nicht wegen der heruntergefallenen Probe, sondern einfach wegen dem Blick, mit dem die Ärztin den Knoten auf dem Bildschirm betrachtete.

“Es kann ja immer noch ein Fibroadenom sein”, sagte sie zwar zum Abschied, doch ihre Stimme klang nicht besonders überzeugend.

Wir hatten noch etwas Zeit und gingen in einen versteckten Garten vom Naturschutzbund, der in der Nähe war. Setzten uns auf eine Bank, schauten uns an und ich sagte: “Wenn ich sterbe, dann will ich in einem Meer von Blumen sterben.”

Ich war mir so sicher, dass das nicht mehr gut ausgehen wurde.

Eine Woche später sollten die Ergebnisse der Biopsie bei meiner Frauenärztin vorliegen. Dann würde ich sicher wissen, ob es ein gutartiger Knoten war oder nicht. So lange!

Was bis dahin tun?

Ich fing an zu bauen…

Der Bussi brauchte ein Bett!

Wir haben einen VW T5 und schon lange hatte ich vor, dort ein Bett hineinzubauen. Auf Festivals hatte ich immer ganz neidisch in die ausgebauten Autos von anderen Campern geschaut, die unter dem Bett noch dazu super ihren ganzen Kram verstauen konnten. Und in zwei Tagen sollte es zum Burg Herzberg Festival gehen.

Ich entwarf einen Bauplan und fing wie eine Besessene an zu bauen. Mein Mann meinte, das könnte ich doch auch noch danach machen.

“Nein, kann ich nicht”, antwortete ich bestimmt.

Nach vielen Stunden Arbeit hatte ich die Plattform fertig. Ich besorgte im Schaumstofflager in unserer Straße eine passende Schaumstoffmatratze, die ich noch an die Autoform mit einem scharfen Messer anpasste. Laken rüber, Decken rauf und schon sah es richtig gemütlich aus im Auto.

Mit meinem Mann besorgte ich noch passende Kunststoffkisten, die unter die Plattform passten und in denen wir all unseren Kram verstauen konnten.

Super. Ich hatte es geschafft und außerdem kaum einmal an das Damoklesschwert Krebsverdacht gedacht.

Am nächsten Tag fuhr ich mit den beiden kleinen Kindern zum Burg Herzberg Festival.

Das Burg Herzberg Festival sieht sich in der Tradition von Woodstock und schreibt, es wäre ein Festival für die ganze Familie.

Und tatsächlich! Von 80 Tagen bis 80 Jahren ist dort alles vertreten. Die Stimmung ist sehr friedlich und entspannt, die Musik fantastisch.

11.000 Menschen feierten dort für 4 Tage und dabei blieben sie sehr achtsam mit dem Ort, wo sie feierten.

Wir waren zum ersten Mal dabei. Für Kinder gab es das Kinderland mit vielen Angeboten. Ich habe die Zeit dort sehr genossen, viel getanzt, und lecker gegessen. Und es war so gemütlich im dem neuen Autobett. Wieder dachte ich kaum an den Knoten in der Brust. Nur manchmal, wenn eine meiner Lieblingsbands als letztes Lied “Bella, Cuao” spielte, verfiel ich in eine melancholische Stimmung.

Oder als der geniale Kinderliedermacher Bummelkasten von Bully Batmann, dem Schulhofschreck, sang, dachte ich, ob da auch so ein Bully Batmann in meiner Brust hockt.

Am Sonntag Abend fuhren wir wieder in unser Ferienhäuschen, wo ich noch ein paar Tage mit den Kindern bleiben wollte.

Der Krebsverdacht hatte viel in mir ausgelöst. Was ist mir wichtig, was nicht? Wohin soll mein Weg gehen? ich spürte eine große Dringlichkeit in mir, wieder ein Stück zu inzenieren. Seit der Geburt meines dritten Kindes hatte ich nicht mehr inzeniert. Doch das ist etwas, was mich wahnsinnig glücklich macht. Es soll wieder zu meinem Leben gehören.

Und ich fragte mich auch, wo habe ich die Bedürfnisse anderer zu sehr vor meine eigenen gestellt? Wie kann ich uneingeschränkt besser für mich sorgen, und zwar unabhängig davon, ob ich nun Krebs habe oder nicht.

Bei einem negativen (ja eigentlich für mich positiven) Ergebnis wollte ich erstmal eine Riesenparty schmeißen. Das Leben und mich feiern.

 Am Dienstag war die Biopsie bereits eine Woche her, doch ich hatte noch keinen Anruf erhalten. Sie wollten sich melden.

“Ist doch schon mal gut”, dachte ich “im Ernstfall hätten sie sich bestimmt schon gemeldet.

Am Mittwoch Vormittag kam auch noch kein Anruf. Allmählich nervös tingelte ich um mein Smartphone herum, bis ich mich entschloss, in der Praxis anrufen.

Die Frau Doktor war bis gestern im Urlaub und komme erst in einer Stunde dazu, die ganzen Briefe zu öffnen, die auf ihrem Schreibtisch liegen, teilte mir die Sprechstundenhilfe mit.

Sie würde mich aber sicher heute noch anrufen.

Na toll, noch länger warten. Uäh!

Ich konnte mich inzwischen nicht mehr wirklich gut ablenken, googelte noch etwas zu Fibroadenomen rum und wie oft sich nach einer Biopsie der Verdacht bestätigt.

In jedem zweiten Fall. Oho!

Um viertel vor sechs endlich klingelte mein Handy.

Die Ärztin kam gleich zur Sache:

“Ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie. Der Tumor ist bösartig. Es ist Brustkrebs.”

Das haue mich komplett um.

Krebs!

Brustkrebs!

So ‘ne verdammte Scheiße!

Ich bekam solche Angst und mein Herz verabschiedete sich zum Mittelpunkt der Erde.

Ich saß da, hörte mir an, as sie mir noch zu dem Tumor sagte und was jetzt zu tun sei. Doch es drang nur halb an mein Ohr. Nach dem Gespräch saß ich erst mal da, die Tränen rannen über mein Gesicht und ich wollte, dass meine Mama kommt.

Als die Kinder mich sahen, fragten sie mich, was mit mir ist. Da wir bereits bei dem Verdacht mit ihnen darüber gesprochen hatten, sagte ich ihnen es. In dem Moment konnte ich nicht darüber nachdenken, wie ich es möglichst schonend sage. Sie sahen ja eh, wie es mir ging und etwas vorspielen mochte ich nicht.

“Musst du jetzt sterben?” fragte mich meine Jüngste.

“Nein, ich muss jetzt nicht sterben”, antwortete ich. “Aber es bedeutet, dass ich bald operiert werde und es einige längere Behandlungen gibt, damit ich wieder gesund und heil werde.”

Wir dückten uns ganz fest und mir flossen wieder die Tränen, weil die Beiden so unendlich lieb und süß waren. Und natürlich hatte ich große Angst, dass ich sie nicht aufwachsen sehen würde.

Ich rief meinen Mann an, der auch total geschockt war. Auch wenn wir uns darauf vorbereitet hatten, ist es doch anders, wenn die Bestätigung da ist. Und ich telefonierte mit meiner Mutter. Sie war sofort bereit, am nächsten Tag zu mir zu kommen und mich zu unterstützen.

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, hatten die Kinder in der Zeit den Tisch festlich geschmückt und das Abendessen vorbereitet. Jetzt ging es erstmal um uns drei hier und wir machten uns trotz allem einen gemütlichen Abend mit leckerem Essen und Vorlesen.

Um den Krebs kümmere ich mich, wenn die Kinder schlafen, dachte ich, während wir zusammen im Bett kuschelten. 

Der Krebs muss jetzt mal kurz warten.

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